Der Seniorenblog aus Sachsen

Pflegeheime in Deutschland

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Ruhe auf Rezept!

Psychopharmaka in Pflegeheimen

Wortwolke Pflege

Es passiert täglich viel tausendfach in unseren Pflegeheimen – bedingt durch den Pflegenotstand und den Kostendruck der Pflegeheime werden Patienten mit Psychopharmaka ruhig gestellt.

 

 Bildquelle: © matthias21 – Fotolia.com

Vielleicht kennen Sie das ja? Sie besuchen eine Alten – oder Pflegeheim vielleicht zum ersten Mal. Was meistens sofort auffällt, sind Heimbewohner, welche teilnamslos in Ihren Rollstühlen sitzen. 

Die chemische Keule ersetzt oft die Pflege, weil meistens die Zeit des überlasteten Pflegepersonals nicht reicht, um die Heimbewohner richtig zu versorgen.

Die Behandlung demenzkranker und intensiv pflegebedüftiger Personen ist arbeitsintensiv und teuer. Viele Pflegeheime setzen deshalb ihre Bewohner mit starken Psychopharmaka außer Gefecht.

Altenpflegerin reicht wasserglasDemenzkranke Altenheimbewohner sind die idealen Opfer. Zu schwach, um sich zu wehren, zu verwirrt, um von unabhängigen Dritten ernst genommen zu werden, wenn sie sich beschweren. Die Angehörigen oft zu weit weg, zu beschäftigt, um sich für sie einzusetzen. Der Respekt vor den Ärzten ist ungebrochen.

 

Bildquelle: © CHW – Fotolia.com

Er führt letztendlich dazu, dass sich alte Menschen und ihre Angehörigen bedingungslos in deren Hände begeben, wenn es zu Problemen und Störungen im Alter kommt.

Schlagzeilen wie „Psychopharmaka auf dem Speiseplan“ sind sicherlich eine etwas überzeichnete Darstellung, jedoch müssen laut Statistik fast eine Viertelmillion Menschen Psychopharmaka schlucken, ohne dass damit Krankheiten behandelt werden sollen. Zu diesem Ergebnis kommt das Zentrum für Sozialpolitik an der Universität Bremen (Quelle Welt).

409343_web_R_K_B_by_Grace Winter_pixelio.deKaum öffentlich bekannt ist dagegen, dass einige Heime offenbar die Senioren gezielt mit Medikamenten behandeln, um doppelt abzukassieren: Erst verabreichen sie Psychopharmaka und sparen am Personalaufwand.

 

Bildquelle: Grace Winter/pixelio.de

Dann beantragen sie beim Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK), den Senior – der nun ein echter Pflegefall ist – in eine höhere Pflegestufe einzuordnen.

Doch hier ein paar Daten, welche die Wirklichkeit verdeutlichen. Die Zahlen sind zwar von 2008 aber man kann davon ausgehen, dass sie heute sogar etwas höher sind:

– ca. 750.000 Menschen leben in vollstationären Altenheimen

– davon sind ca. 85% pflegebedüftige Patienten

– ca. 69% der Bewohner in vollstationären Altenheimen sind dement

– rund ein Drittel der Altenheimbewohner sind zeitlich und/oder örtlich   unzureichend orientiert (Notwendigkeit der Überwachung) 

Die Wahrscheinlichkeit den letzten Lebensabschnitt in einem Pflegeheim zu verbringen, liegt statistisch für Männer bei 17% und bei Frauen bei 37%.

(Quelle: Bundestministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 04/08)

Tag Cloud DepressionWichtig ist darauf hinzuweisen, dass in Alten – und Pflegeheimen grundsätzlich der Einsatz von Psychopharmaka normal ist. Bei Personen die sich selbst gefährlich werden können, ist der Einsatz von Psychopharmaka in einer Theraphie völlig korrekt.

 

 

Bildquelle: © Knipserin – Fotolia.com

Darum geht es in diesem Artikel auch nicht – gemeint sind die „Auswüchse“ bei der Gabe von Beruhigungsmitteln. nur um die Heimbewohner ruhig zu stellen, weil das Pflegepersonal sonst physisch die anfallende Pflegearbeit nicht mehr voll leisten kann. Die knappe Personaldecke in vielen Heimen sowie der Druck der Eigentümer eine gute Rendite zu erwirtschaften sind die Hauptgründe für diese Misere. Insgesamt fehlen in den nächsten Jahren auf Grund der Alterspyramide schon heute über 100.000 Pflegekräfte. 

Senior mit Pflegerin im Altenheim

Auf Grund des prognostizierten Anstiegs der Pflegebedürftigen benötigen wir in Deutschland im Umkehrschluss auch mehr Menschen, die sich in den Pflegeberufen engagieren.

Bildquelle: © drubig-photo – Fotolia.com

Ende 2011 waren, laut Angaben des Statistischen Bundesamtes, rund 952.000 Personen in der Altenpflege beschäftigt, davon rund 31 Prozent (291.000) bei ambulanten Pflegediensten und 69 Prozent (661.000) in Pflegeheimen. Vor allem durch die Einführung der Pflegeversicherung ist die Altenpflege zum Jobmotor geworden: So hat zwischen 1999 und 2011 die Zahl der bei ambulanten Pflegediensten Beschäftigten um rund 58 Prozent (plus 107.000) und die in Pflegeheimen Beschäftigten um rund 52 Prozent (plus 220.000)  zugenommen.

Aufgrund des zu erwartenden Anstiegs der Zahl der Pflegebedürftigen wird auch der Bedarf an Pflegekräften in den kommenden Jahrzehnten weiter stark ansteigen. Hierfür gilt es Vorsorge zu treffen. (Quelle: BMG)

Die Rechte der Heimbewohner

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Doch wie sieht es mit den Rechten der Heimbwohner aus? Müssen pflegebedürfte und demenzkranke Patienten auch gegen ihren Willen Psychopharmaka einnehmen?

 

Bildquelle: S. Geissler/pixelio.de
Die Einwilligungsfähigkeit

Veränderungen der Medikation oder andere medizinische Behandlungsmaßnahmen durch den Arzt sind bei Demenzkranken, die die Tragweite solcher Maßnahmen nicht einschätzen können, außer in Notfällen nur mit Einwilligung des„gesetzlichen Betreuers“ oder des„Bevollmächtigten“ des Kranken erlaubt. Andernfalls macht sich der Arzt wegen Körperverletzung strafbar bzw. kann angezeigt werden. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von der fehlenden Einwilligungsfähigkeit des Kranken.

Der Arzt muss vor jeder Behandlungsmaßnahme die Einwilligung des Patienten oder seines rechtlichen Vertreters einholen.

Das Amtsgericht München hat jetzt eine Initiative für weniger Psychopharmaka in der Pflege gestartet. (lesen Sie dazu den Bericht des Bayrischen Rundfunks hier). 

Ein Problem bei vielen dementen Patienten in Pflegeheimen oder Krankenhäusern ist ihr Bewegungsdrang und damit einhergehend die Weglauftendenz bei fehlender Orientierung. Patienten laufen rastlos hin und her, oft steigert sich die motorische Unruhe in der Nacht.

In manchen Krankenhäusern oder Pflegeheimen werden solche Patienten insbesondere nachts durch Fixierungen wie Bettgurte oder das Anbringen von Bettgittern daran gehindert, ihrem Bewegungsdrang nachzugeben.

Eine andere Art, den Bewegungsdrang einzuschränken, ist die Gabe von sedierenden Medikamenten. Unter sedierenden Medikamenten versteht man bestimmte Psychopharmaka, die von einer Verlangsamung auf körperlicher und geistiger Ebene bis zu Apathie und Dauerschläfrigkeit führen können. Der Arzt darf solche Psychopharmaka nur zum Zweck der Heilung oder Linderung bei Krankheitszuständen (z.B. momentane Angst- oder Wahnvorstellungen) oder in Notfällen verordnen. Werden solche Medikamente jedoch dauerhaft über Wochen verordnet, dann ist dies eine freiheitsentziehende Maßnahme, die in die Persönlichkeitsrechte des Patienten eingreift. Als zusätzlicher Aspekt muss beachtet werden, dass sedierende Medikamente typische Alzheimer-Symptome wie Apathie und depressive Symptome verstärken können.

Eine Medikamentengabe muss vom Betreuungsgericht genehmigt werden, wenn sie zu einer „Ruhigstellung“ des Patienten mit eingeschränktem Bewegungsradius oder zu schweren gesundheitlichen Dauerfolgen führen kann.

Sowohl Fixierung als auch sedierende Medikamente zur Reduzierung des Bewegungsdrangs sind, wenn sie über einen längeren Zeitraum angewendet werden, vom Betreuungsgericht zu genehmigen. Die Maßnahmen müssen vom Pflegepersonal täglich dokumentiert und auf ihre Notwendigkeit geprüft werden.

 

Autorenteam Sonja Bode & Harry Bode

Textquellen auszugsweise:Wikipedia/focus.de/spiegel.de/altenheim.net/paradisi.de/heimmitwirkung.de/antipsychatrieverlag.de/br.de/die-welt.de/Psychopharmaka im Altenpflegeheim (Marita Dannemann)/Bundesministerium für Gesundheit/pflege-shv.de/3sat.de/betanet.de/eve-stuttgart.de/alzheimer-blog.de/

 

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